Die causa Sauerland

„Sauerland raus!“ Wer gestern am Burgplatz war und die Demonstration verfolgt hat, der hat diesen Satz wohl am häufigsten gehört. Nicht nur die Duisburger, nein halb Deutschland fordert nun einen neuen Mann an der Spitze der Stadt an Rhein und Ruhr. Ja, viele Wähler sind enttäuscht. Selbst die Sauerlandwähler von der CSU aus Bayern.
Wie, die sind gar nicht wahlberechtigt?
Sollten sie aber sein, denn warum sonst sollten sich Bürger völlig anderer Kommunen dazu äußern, wen knapp 500.000 Menschen als städtisches Oberhaupt haben sollen? Nicht nur NRW wurde schon von Duisburg durch die Stellungnahme Krafts vereinnahmt, selbst die Bundes-CDU wird dank Herrn Bosbach nun zu einer Filiale der CDU Duisburg, von Herrn Uhl und der CSU gar nicht erst zu sprechen.
Als ob es nicht weitaus wichtigere Fragen der Bundespolitik gäbe, als eine Personalentscheidung in einer (zugegebener Maßen großen) Kommune Deutschlands.
Dies soll keine Rechtfertigung für das scheinbare Unvermögen Sauerlands sein, mit einer solchen Krise angemessen umzugehen und die eigene Verantwortung einzugestehen. So etwas ist und bleibt eines Volksvertreters unwürdig. Aber ebenso unwürdig ist es, ihn nun als teilweise einzigen Sündenbock darzustellen und die Duisburger Bürger in ihrer eigenen (Wahl-)Entscheidung zu entmündigen, nur, um seine Wut zu kanalisieren. Die Verantwortung hat er nun einmal, und in dem Moment, wo er diese übernimmt, wäre er als OB nicht länger tragbar – und da er nicht einmal dies tut, ist auch dieses Verhalten mehr als fragwürdig. Verantwortung bedeutet aber nicht Schuld! Die Schuld wird von der Justiz festgestellt, und da scheinen aktuell (auch durch die Aussagen von Landesinnenministerium und Landespolizei) viele Indizien auf den Veranstalter zu zeigen.
Auch seine Berater dürften mehr mit der Schuldfrage zu tun haben, als der, dessen Name letzten Endes unter allem steht, der aber an der Umsetzung nicht direkt beteiligt war.
Die Forderung nach dem Rücktritt Sauerlands ist also nicht bloß die reine Suche nach einem Schuldigen – da eignen sich andere besser. Aber es ist die Suche nach demjenigen, der hätte aufpassen müssen. Dem man vertraut hat, dass er seine Berater und den Veranstalter unter Kontrolle hat (und nicht umgekehrt). Dem man vertraut hat, dass er Sicherheitsbedenken der Polizei und Feuerwehr nicht einfach nur zur Kenntnis nimmt, sondern diese Bedenken auch in sein Konzept mit einfließen lässt.
Es ist aber auch die Suche nach einem Mann, dem man misstraut. Und die Zeiten, als man Politikern noch vertraut hat, die sind längst vorbei. Dem Mann, der die Menschen nach der Katastrophe scheinbar im Stich gelassen hat, um seine eigene Haut zu retten.
Es bleibt das Gefühl: Die Wähler bereuen scheinbar, vor einem Jahr Sauerland zum OB gewählt zu haben. Nun kann man eine Wahl nicht zurücknehmen. Doch man kann neu wählen lassen. Auf einen freiwilligen Rücktritt Sauerlands kann man im Übrigen lange warten – denn laut „Neuer Presse“ würde er damit auf seine Pensionsansprüche aus seinen Tätigkeiten als OB sowie Oberstudienrat verzichten. Und so verwerflich man dieses Motiv nun finden mag – es ist nur menschlich. Immerhin war er fast 6 Jahre OB, dazu noch einige Jahre Oberstudienrat, da geht es um einen großen Teil der Altersversorgung.
Da im Fall des Rücktritts von OB Sauerland aber eh Neuwahlen angesetzt werden müssten, könnte dieser doch einfach selbst Neuwahlen fordern. Einen dementsprechenden Antrag gibt es bereits im Stadtrat. Damit wäre dann allen gedient und Sauerland müsste nicht mehr antreten.
Wenn man dann im Rahmen dieser Wahl auch die zuständigen Dezendenten austauschen würde, dann könnte die Stadt politisch wieder nach vorne schauen – denn auf die Stadt Duisburg warten noch weitere Aufgaben wie Haushaltsfragen und Strukturwandel. Diese können aber nur angegangen werden, wenn im Rathaus ein Mann sitzt, der die Unterstützung des Volkes hat, und dessen Berater mit Verantwortung umgehen können – so wie es auch der Oberbürgermeister selbst tun sollte.

Ein Kommentar

  1. 1

    Wenn irgendjemand sehr unverantwortlich gegen die Planung der Loveparade 2010, die der OB Sauerland zu verantworten hat, gehandelt hat, ist dann ein Rücktritt gerecht?

    Es wurden Zäune auf der Rampe errichtet und Polizeifahrzeuge abgestellt, die den Fluss der Besucher um 40 Prozent einengten – gegen die Planung. Ist der OB Sauerland dafür verantwortlich?

    An die Details arbeitet sich ein Blogkommentar heran: http://jakobswege.wordpress.com/2010/08/08/loveparade-bauzaun-auf-der-rampe-bei-google-earth/#comment-2084

    Die Piraten aus Duisburg könnten sich einsetzen – gut vernetzt wie sie sind – einen Aufruf zu starten, wer ein Foto von der Rampe zur Loveparade am Tag zuvor besitzt. Waren diese Zäune schon am Vortag der Loveparade da?

    Dann hätte das Bauordnungsamt der Stadt Duisburg dies bei der Abschluss-Begehung und -genehmigung übersehen und OB Sauerland müsste tatsächlich die Verantwortung übernehmen.

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