shunning

Ein Grund mit Meiden aufzuhören

Der folgende Text aus dem Jahre 2011 behandelt eine Verhaltensweise, die im amerikanischen Sprachgebrauch unter „shun“ oder „shunning“ bekannt ist. Auch wenn es im Text nicht explizit erwähnt wird, sind die angeführten Beispiele jederzeit auch auf alle Ebenen der politischen Arbeit und ihrer Wirkung übertragbar.

Ein Grund mit Meiden aufzuhören

Originaltitel: A Reason (and Season) to Stop Shunning
Autorin: Janice Harper, Anthropologin
Übersetzung aus dem amerik. Englisch: Dr. Ulrich Müller

Eine der am wenigsten diskutierten Aspekte von Bullying und Mobbing, und vielleicht der mächtigste und schädlichste überhaupt, ist die Praxis des Meidens. Meiden wird unter bestimmten Religionen ausgiebig praktiziert; die Zeugen Jehovas, die Kirche von Scientology, sogar die sonst verzeihenden Amische1 haben Meiden zur religiösen Lehre gemacht, um das Verhalten ihrer Mitglieder zu kontrollieren.
Familien meiden routinemäßig andere Familienmitglieder, ob durch Enterbung und den totalen Entzug jedweden Kontakts oder Unterstützung, oder einer ohrenbetäubenden „Stillen Behandlung“, bei der sich einige Eheleute und Eltern wie bei einer Bestrafung für echte oder vermeintliche Straftaten verhalten.
Menschen werden in ihren Gemeinden, ihren Vereinen und ihren Schulen gemieden. Aber vielleicht kommt Meiden am häufigsten am Arbeitsplatz vor, wenn der Arbeitnehmer Zielscheibe für kollektive Aggression und Ausgrenzung oder „Mobbing am Arbeitsplatz“ wird.

Wenn eine Person zur Strafe oder Ausgrenzung durch das Management markiert wurde, vermeiden Arbeiternehmer instinktiv mit dieser Person gesehen zu werden, aus Angst um ihren eigenen beeinträchtigten Status am Arbeitsplatz. Aber bei den Zielscheiben des Meidens kommt die nahezu unmittelbare Isolation fast immer wie ein Schock, und die ausgeprägte Stille, die sie umgibt, ist in der Tat tödlich.
Die Auswirkungen des Meidens sind so stark, dass diese Religionen, Organisationen und Familien sich regelmäßig darauf einlassen und es machen, weil sie wissen, wie effektiv eine Form der sozialen Kontrolle durch seine Anwendung sein kann, auch die stärksten Menschen zu schwächen, wenn einmal damit angefangen wurde.

Wenn Personen gemieden werden, ist es deshalb, weil sie jemand mit etwas verärgert haben, oder sie als deutlich „anders“ als die Gruppe wahrgenommen werden und daher eine „unbekannte“ Gewalt sind. Meiden ist somit ein Merkmal eines breiteren Spektrums von aggressiven Verhaltensweisen, einschließlich Anschuldigung, Sabotage, Ausspionieren und anderen Bestrebungen der Kontrolle oder eine Person aus der Gruppe auszugrenzen.
Um eine Person zu meiden, wird sie daher genau an dem Punkt isoliert, wo sie am meisten Unterstützung benötigt. Ferner untergräbt es ihr Selbstwertgefühl und ihre Fähigkeit, Angriffen zu widerstehen. Zudem, wenn ein Arbeitnehmer Zielscheibe für die Ausgrenzung ist und wenn er einmal gemieden wird, wird es sehr schwierig, seine Position zu verteidigen, da ehemalige Anhänger verschwinden, und es wird noch schwieriger für sie, neue Arbeit zu finden.
Und Meiden ist eine besonders effektive Taktik, um Rechtsansprüche eines Arbeitnehmers zu untergraben, jedoch rechtmäßig, weil es sehr schwierig ist, das Gegenteil zu beweisen. Verweigerung und Meiden sind eine Nicht-Aktion – zu verweigern ist zu meiden, eben nicht zu interagieren.

Trotz all seiner Zerstörungskraft behandelt unsere Gesellschaft Meiden als eine Tugend. In nahezu allen professionellen Selbsthilfe-Büchern über das Thema erfolgreich bei der Arbeit zu sein, wird einer Person geraten unpopuläre Menschen zu meiden, nämlich „Störenfriede“ oder sonst jemand, der bei der Arbeit angegriffen wird.
Ein guter Teil der aktuellen Anti-Mobbing-Rhetorik macht es zu einem strategischen und moralischen Imperativ, gemeinsam jene zu scheuen, denen Bullying vorgeworfen wird, eine ziemlich ironische Taktik von Aggression am Arbeitsplatz. Und Selbsthilfe-Bücher, die optimistisches Denken empfehlen, raten ihren Lesern allgemein, „negative“ oder unpopuläre Menschen zu meiden.
Tatsächlich schlägt menschlicher Instinkt selbst vor, dass Stigmatisierung ansteckend ist und es besser ist, mit denen, die erfolgreicher sind, gesehen zu werden als mit denjenigen, die von einst angesehenen Höhen in Beruf oder Position abgestürzt sind, in vielen Fällen unberechtigt oder in unfairer Weise.

Ich verstehe die Motivation, diejenigen zu meiden, deren eigenes Dilemma sich als stigmatisierend oder unbehaglich erweisen könnte. Doch ich bleibe beunruhigt durch das Versagen unserer Spezies, Mitgefühl auf diejenigen, die es am meisten brauchen, zu erweitern.
Der Instinkt, diejenigen zu vermeiden, die unbeliebt beim Führer sind, ist auch im Tierreich bekannt. Schimpansen und Wölfe sind am bemerkenswertesten beim Quälen ihrer unpopulären Sippschaft, wenn die Alphas es so  machen – und Menschen teilen solche Überlebensinstinkte.
Aber wir unterscheiden uns von diesen Tieren und sind gesegnet mit der Fähigkeit, den Ereignissen in unserem Leben einen Sinn zu geben, und intellektuell Komplexität und Nuancen zu erkennen – eben genau die Merkmale der sozialen Aggression, die zum Meiden führen.
Unsere Fähigkeit, die Komplexität der sozialen Konflikte zu verstehen, sollte eigentlich vermuten lassen, dass, an was auch immer unsere menschlichen Gegenüber leiden, Chancen vorhanden sind, dass es viel Raum für Mitgefühl – und Geduld – gibt, wie wir uns ihnen in Sorgenzeiten nähern.

Um als Menschen zu überleben, müssen wir uns auf soziale Unterstützung verlassen, und wenn wir diese Unterstützung auf der Grundlage der Unpopularität zurückziehen, könnten wir zwar unser
ureigenes soziales Überleben fördern, aber wir erodieren unsere eigenen Kapazitäten für Mitgefühl  und unser eigenes Potential vollständig Mensch und menschlich zu sein.
Ob wir nun jemanden professionell meiden im Namen der Professionalität, in unseren religiösen Institutionen im Namen Gottes oder in unseren eigenen Familien im Namen des Stolzes, so beschränken wir uns selbst, unseren Geist und unsere Menschlichkeit. Schweigen ist nicht immer Gold, ist es tödlich, wenn es sich auf das Meiden erstreckt, und hat es einmal begonnen, ist es schwierig, es zu beenden. Aber auf persönlicher Ebene kann es gestoppt werden, wenn jeder von uns überlegt, wie und wen wir meiden.
Wir meiden selten die Schändlichsten unter Führungskräften in unseren Gruppen und Organisationen, aber regelmäßig meiden wir diejenigen, die keine Kraft haben oder sie verlieren, wie gutherzig, aber unvollkommen sie immer auch sein mögen. Und wenn wir das Meiden anwenden, nennen wir es selten beim Namen und schieben fast immer die Schuld auf die Zielobjekte, als ob sie das selbst auf sich geladen hätten, unabhängig von ihrem Leid.
Wir rechtfertigen Meiden durch Klatsch, überarbeiten unsere Meinungen derer, die wir einmal respektiert und in vielen Fällen geliebt haben, und lassen unsere Verantwortung verflüchtigen, sobald wir merken, dass andere das Gleiche tun.

Je länger wir eine Person meiden, desto schwieriger ist es, das Schweigen zu brechen und Frieden zu schließen. Aber es gibt keine bessere Gelegenheit, wo wir das eben so machen könnten, als die Ferienzeit.
Wurden alte Bekannte etwa vergessen oder könnte jeder von uns an die denken, die wir vergessen haben, aus welchem Grund auch immer wir uns mit anderen zusammentaten, um dem Schmerz einer anderen Person auszuweichen? Und Sie könnten kein größeres Geschenk in dieser Saison machen als Ihre Hand auszustrecken und jemand ent-meiden (im Original: un-shun), bei dessen sozialer Isolation Sie selbst beteiligt waren – völlig unabsichtlich. Sie riskieren höchstens eine Ablehnung. Günstigstenfalls helfen Sie ein Herz zu heilen, zumindest Ihr eigenes.

1. Die Amischen (englisch Amish [‚aːmɪʃ]) sind eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft.
Weitere Infos unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Amische

Quelle
Der Originaltext erschien am 20. Dezember 2011 unter dem Titel „A Reason (and Season) to Stop Shunning“ auf dem Business-Blog von „The Huffington Post“.

URL: http://www.huffingtonpost.com/janice-harper/a-reason-and-season-to-st_b_1146103.html

Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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